Patrick O'Keeffe berichtet:

Trainingseindrücke vor der Bahn-WM 2012

Leaving it all on the track

 

Es ist ein Sonntagnachmittag in Melbourne. Ich stehe in der Hisense Arena, in der Mitte eines neu errichteten Rad‐Velodroms und beobachte Konkurrenten aus zahlreichen Ländern der Vorbereitung auf die 2012 Bahnrad-Weltmeisterschaft. Die Meisterschaften werden am Donnerstagabend hier beginnen.

Das Training ist intensiv. Es sind konstant ca. 25 bis 30 Fahrer auf der Strecke, zusammen mit unzähligen anderen, die sich im Innenraum auf Rollen warm machen, Übungen durchführen oder mit Trainern und Physiotherapeuten sprechen.

Das erfolgreiche australische Team legt los. Jack Bobridge, Veteran der Mannschaft mit 22 Jahren, weist den Weg.  Es scheint kaum drei Minuten her zu sein, als er mit der Presse gesprochen hat und ruhig erklärt hat, ob und in wieweit das britische Team eine Bedrohung darstellt. Jetzt ist er an der Spitze einer Gruppe von 5 Fahrern, die mit mehr als 60 km pro Stunde fahren. Es ist ein unvergesslicher Anblick. So gestrafft und so mächtig ist dieses Team zu beobachten. Es ist vorstellbar, dass am Wochenende ein Weltrekord fallen könnte. Ausgehend von den Zeiten, die sie im Training erreicht haben, wäre die Frage höchstens, um wie viel? Bobridge, mit Teamkollegen Rohan Dennis und Cameron Meyer, wird den australischen Bahnradsport anführen, wenn die Grössen O'Grady und Evans einmal ihre glänzende Karriere beenden.

Ich höre einen australische Trainer sagen: "Das ist es. Das ist es. Training. Alle auf der Linie." Die Trainer lieben diese Jungs. Es gibt Bestürzung, wenn Bobridge
auf einem Werbeaufkleber auf der Strecke rutscht. Der Rutscher verursacht einen  lauten Knall. Das Team verliert die Form und die Jungs gehen von der Bahn. Die Aufkleber an beiden Enden haben die Fahrer wegrutschen lassen. Es gibt Spannungen rund um die Strecke, als Trainer verlangen, die Schilder entfernen zu lassen. Ich fürchte, dass dies die Fahrer aus dem Konzept bringen könnte. Nach einer Pause kehren sie auf die Strecke zurück und stürzen sich in 14 blitzschnelle Runden, mit einem Tempo knapp unter Weltrekord. Ihre Gelassenheit erstaunt mich. Die Jungs haben keine Angst.

4er Verfolger - Australien - Start

Anna Meares sieht so konzentriert aus. Meares ist ein absoluter Profi, sie sieht so cool aus, wie sie um die Innenseite der Bahn rollt, starr geradeaus schauend. Sie ist die unbestrittene Königin der Bahn. Ein kleiner Rutscher stört den Beginn ihrer Übungseinheit. Dies hätte einen schwächeren Teilnehmer entnervt.
Meares bricht die Übung einfach ab, rollt um die nächste Runde, stellt sich wieder auf, und diesmal explodiert sie von der Startposition. Ihr Kampf mit der britischen Sprinterin Victoria Pendleton wird ein Highlight dieses Wettbewerbes sein.

Zwei amerikanische Sprinter sind in der Mitte einer Übung.
Von der anderen Seite der Strecke höre ich die Trainer schreien "Punch! Punch! Up, up, up, up, up, up!" gefolgt von einem unglaublichen New Yorker Akzent "Keep workin'!
Keep workin'!" Der US‐Coach hilft ausserdem einer multinationalen Trainingsgruppe, bestehend aus irischen, türkischen und mexikanischen Fahrer, sowohl männlich als auch weiblich. Wenn bloss die richtige Welt so funktionieren würde. 

Das niederländische Verfolgungsteam sind die nächsten mit Zeiten deutlich über den Australiern ist das Team keine Konkurrenz. In ihrer nächsten Runde bewegen sie sich
mit extremer Geschwindigkeit nicht ganz so schnell wie die Australier, aber nicht mehr weit davon entfernt. Ein orangefarbener Blitz kreist seinen Weg rund um die Strecke mit hoher Geschwindigkeit und ich beginne zu glauben, dass die Australier doch einen weiteren Mitstreiter zu befürchten haben. Was ich bisher gesehen habe zeigt jedoch, dass sich diese Fahrer keine Sorgen machen. Entweder haben sie keine Angst, oder sie verstecken ihre Ängste sehr gut.

Diese chaotische Natur dieses Sports wird Minuten später deutlich, als das US-Sprint-Team sich mit 70km/h durch eine kleine Lücke inmitten einer großen Gruppe von Fahrern quetscht und dabei fast eine kleine mexikanische Fahrerin umpflügt. Ich zucke, aber sie wirkt, als wäre nichts passiert.

Im Innenfeld der Bahn herrscht ein gewaltiges Treiben. Die Energie, die alle Fahrern auf den Rollen und Winden generieren, könnte die Stadt Melbourne scheinbar für ein Jahr lang versorgen. Das neuseeländische Team ist sehr markant. Mit einem Kontingent von mindestens 20 Fahrern, sind sie eine Kraft im Bahnrad. Einige der männlichen Sprinter sind sehr gefährlich aussehende Typen, die leicht in der vordersten Reihe des Rugby Teams "All Blacks" unterkommen könnten. Der Begriff "Beine wie Baumstämme," würde diesen Fahrern nicht mal gerecht werden.

Ein niederländischer Sprinter startet mit ungezügelter Aggression in ein paar harte Runden. Es scheint, als ob seine Räder eine Spur in die Bahn brennen müssten. Die folgenden 15 Minuten rollt er langsam um die Innenseite der Strecke und atmet sehr hart. Die Intensität der Anstrengung ist wirklich sehenswert. Auch von diesem Standpunkt aus ist es schwer vorstellbar, wie viel Energie freigelegt wird in einer Anstrengung, die kaum 20 Sekunden dauert.

Nicht viele Sportarten können solch pure menschliche Kraft in ihrer reinsten Form zeigen, wie Bahnradsport. Als ein Spektakel hat es wirklich alles. Die Gefahr, der Druck und die taktischen Manöver. Mit einem stärkeren Aufgebot an Fahrern, als bei den Olympischen Spielen wird sich bei dieser Weltmeisterschaft alles um Adrenalin, Spannung und hochklassigen Wettbewerb drehen.

2. April 2012.